Zeitschrift für Rechtssoziologie
Inhaltsübersicht Band 26, Heft 1, Juli 2005
Recht und Wirtschaft als Thema der Rechtssoziologie
Klaus F. Röhl

Zusammenfassung: Die folgende Abhandlung war als Einleitung für die Tagung der Vereinigung für Rechtssoziologie zum Thema „Die Gesellschaft der Wirtschaft“ gedacht, die vom 7. bis 9. April 2005 in Siegen stattfand. Ihr Ziel war nicht Vorbereitung auf die verschiedenen Themen, die auf der Tagung behandelt wurden, sondern einganz allgemeiner Überblick über die Behandlung des Verhältnisses von Recht und Wirtschaft in der Rechtssoziologie. Nach einem kurzen Blick auf die Stellungnahmen von Max Weber und Niklas Luhmann werden fünf Themenkreise angerissen, die Ökonomische Analyse des Rechts, Rechtsgeschichte und Wirtschaftsgeschichte, „Law and Development“, Recht als Infrastruktur und Standortfaktor sowie schließlich die Globalisierung der Wirtschaft und das Nachhinken des Rechts.

Summary: This article has been prepared for a meeting of the German Vereinigung für Rechtssoziologie on „The Society of Economy“, which took place in Siegen, April 7-9, 2005. The article tries to give an overview on how legal sociology has dealt with the relationship of law and economy. Its intention is not to serve as an introduction to the papers which have been presented at the meeting and are selected for publication in this volume. The overview starts with a short referral to the work of Max Weber and Niklas Luhmann. Than it touches five topics: Economic Analysis of Law, History of Law and History of the Economy, Law as Infrastructure, and finally Globalization of the Economy and Law's Cultural Lag.


Billigkeit und effektiver Rechtsschutz
Zu Innovation und Evolution des (Zivil-) Rechts in der Globalisierung

Gralf-Peter Calliess

Zusammenfassung: Der Beitrag gibt einen Überblick über den Forschungsstand der Systemtheorie zur Frage nach der Entstehung eines Weltrechts. Besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die Voraussetzungen von Rechtsevolution als Anpassung des Rechtssystems an die Globalisierung seiner innergesellschaftlichen Umwelt. Am Beispiel der römischen Aequitas und der englischen Equity wird herausgearbeitet, dass (1) auf der prozessualen Ebene effektiver Rechtsschutz und auf der materiellen Ebene Entscheidungen nach Billigkeit entscheidende rechtssystemendogene Faktoren der erfolgreichen Ko-Evolution von Recht und Gesellschaft sind, und dass (2) sich im Falle diesbezüglicher Evolutionsblockaden Innovationen häufig außerhalb des etablierten Rechtssystems in alternativen Streitschlichtungssystemen ergeben. Aus demselben Grunde vollziehen sich Innovationen, die zur Anpassung des Rechts an die Globalisierung führen, vorwiegend außerhalb des etablierten nationalen und internationalen Rechts in funktionalen (issue-specific) und autonomen (self-contained) Regimes, die aufgrund ihres im Hinblick auf die Unterscheidung öffentlich/privat hybriden Charakters als globale Zivilregimes bezeichnet werden.

Summary: The author gives an overview of the systems theoretical research on the emergence of a world law. Specifically addressed are the internal preconditions of an adaptation of the legal system to the globalisation of other functional systems of society. Roman Aequitas and English Equity are taken as examples that (1) on the procedural level „effective redress“ and on the substantive level „decisions in equity“ are decisive factors for a successful co-evolution of law and society, and (2) where these factors are absent in the established legal system innovation frequently comes about through alternative dispute resolution systems. For this reason, the author argues, legal innovation which leads to the world legal systems adaptation to globalisation predominantly comes through issue-specific and self-contained legal Regimes. For their hybrid status with regard to the public/private-distinction they are called Global Civil Regimes.


Korruption und Netzwerke
Konfusionen im Schema von Organisation und Gesellschaft

Petra Hiller

Zusammenfassung: Der Text diskutiert Korruption und Netzwerke in gesellschaftstheoretischer Perspektive. Dabei wird sichtbar, dass Korruption als ein Fall des Scheiterns funktionaler Differenzierung beschrieben werden kann, und zwar auf der Ebene von Organisation und Netzwerk. Was als Korruption beobachtet wird, ist die Verknüpfung von Sinnhorizonten der Kommunikation. Auch Netzwerke, die durch die reflexive Kombination von Adressen entstehen, verknüpfen unterschiedliche Sinnkontexte. Mit der Aufdeckung dieser strukturellen Affinität von Korruption und Netzwerk erarbeitet der Text einen Vorschlag, an dem eine soziologische Beschreibung von Korruption als Netzwerkphänomen ansetzen kann.

Summary: This paper discusses corruption and networks within the realm of a social theory of society. This perspective makes visible that corruption can be described as a case of functional differentiation collapse on the level of organization and network. What we observe as corruption is a connection of different horizons of meaning of social communication. The same counts to social networks. Networks emerge from the reflexive combination of addresses and they connect different contexts of meaning as well. With uncovering this structural affinity of corruption and network the paper works out a suggestion at which a sociological description of corruption as a network phenomenon can start.


Anmerkungen zum Verhältnis von Wirtschaftswissenschaft und Weltwirtschaft

Mi-Yong Lee-Peuker

Zusammenfassung: Dieser Artikel befasst sich mit dem Verhältnis zwischen moderner Wirtschaftstheorie, die den Anspruch hat als Handlungstheorie universal zu sein, d.h. unabhängig von etwa kulturellen Bestimmungen wirtschaftliches Handeln hinreichend erklären zu können, einerseits und realem wirtschaftlichen Handeln andererseits. Im ersten Abschnitt des Aufsatzes wird die moderne ökonomische Theorie in ihren Grundideen, Hauptthesen und in ihrer Vorgehensweise vorgestellt. Im Anschluss daran wird die Perspektive der modernen Wirtschaftswissenschaften exemplarisch einer qualitiv-empirischen Studie wirtschaftlichen Handelns in Südkorea gegenübergestellt. Eine wesentliche Rolle bei dieser Gegenüberstellung spielt dabei der Rechtsbegriff in der koreanischen Wirtschaft, der auf die konfuzianische Tradition Koreas zurückzuführen ist und der sich wesentlich auf Geschäftsverhältnisse und Verträge auswirkt.

Summary: This paper deals with the relation between the modern economic theory and the diversity of real economic action in the global economy. While economic theory prevails to be a universal action theory, by giving an overall explanation of economic action without consideration of cultural determinations, empirical studies give reason to believe that modern standard economics falls short of explaining real economic action. The first part contains the basic ideas, main thesis and the procedure of standard economic research. Then the perspective of the standard economic approach will be contrasted with a qualitative-empirical study on economic action in South Korea, as an example. An essential focus is laid on the meaning of law and rights. Both are rooted in Korea’s Confucian tradition and have a major influence on business relationships and contracts.


Finanzmarktregulierung und Wissenspolitik

Basel II – Die aufsichtsrechtliche Konstitution kollektiver Intelligenz?

Torsten Strulik, Matthias Kussin

Zusammenfassung: War Finanzmarktregulierung bislang vorrangig eine Angelegenheit marktkorrigierender Regulierungspolitik, so zeichnet sich gegenwärtig eine Schwerpunktergänzung ab. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten zur Wissensgesellschaft wird sichtbar, dass die strategische Gestaltung von Innovationen zu einer wichtigen Zielsetzung von Ökonomie, Politik und Recht wird. Damit erweitert sich die traditionelle Perspektive einer Vermeidung oder Begrenzung unerwünschter Marktexternalitäten um die Ermöglichung und Flankierung von Innovationsprozessen. Ausgehend von dieser Diagnose und angeleitet durch konzeptionelle Überlegungen zu den Merkmalen einer Wissenspolitik und den Potentialen kollektiver Intelligenz zielt der Beitrag auf eine empirische Analyse der aktuellen Empfehlungen des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht, deren Umsetzung in nationales Recht für Anfang 2007 vorgesehen ist. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und inwieweit der neue Aufsichtsansatz Bedingungen für eine gemischt öffentlich-private Form der Risikosteuerung schafft, welche den wachsenden Anforderungen an die Erzeugung von Stabilität und Innovation Rechnung trägt.

Summary: While financial regulation has primarily been a matter of market-correcting regulatory politics so far, a shift of emphasis can presently be observed. Taking recent debates on knowledge-society into account, it is apparent that the strategic creation of innovation is a crucial aim in economics, politics and law. This contributes to the extension of the traditional perspective, from which undesirable market externalities are to be avoided or restricted, and highlights the realization and support of innovation processes. On the basis of this diagnosis and conceptual thoughts on the characteristics of knowledge politics as well as on the potentials of collective intelligence, the article aims at an empirical analysis of the present recommendations of the Basel Committee for Banking Supervision which are supposed to be implemented into national law at the beginning of 2007. Of
central interest is if and to what extend the new 'cognitive' supervisory regime (Basel II) creates conditions for a mixed public-private form of risk-management that is in accordance with the increasing demands for the creation of stability and innovation.