Zeitschrift für Rechtssoziologie
Inhaltsübersicht Band 26, Heft 2, Dezember 2005
Hypertext und Recht

Rechtstheoretische Anmerkungen zum Verhältnis von Sprache und Recht im Internetzeitalter

Volker Boehme-Neßler

Zusammenfassung: Sprache ist eine soziale Institution. Neue Entwicklungen und Formen der Sprache sind kein ausschließlich grammatisches, linguistisches oder literarisches Phänomen. Wenn sich Sprache ändert, ändert sich auch das Denken, das Rechtsdenken und schließlich das Recht selbst. Ohne weiteres einsichtig ist, dass auch das Rechtssystem von den Kommunikationsmedien geprägt wird. Deshalb ist zu erwarten, dass das Internet tief greifende Auswirkungen auf das derzeit existierende Rechtssystem haben wird. Wie diese Auswirkungen aussehen können, soll an einem konkreten und typischen Aspekt des Internets untersucht werden: Wie ändern Hypertexte das Denken und das Recht? Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass das Recht durch die Einwirkungen des Internet und der Hypertextkultur synästhetischer, subjektiver, privater und flüchtiger wird. Innerhalb des Rechts wird eine Akzentverschiebung stattfinden. Der Stellenwert des Rechts insgesamt wird sich ändern. Das Recht muss deshalb eine neue Rolle finden. Wenn es sich dieser Herausforderung nicht stellt, läuft es Gefahr, irrelevant zu werden.

Summary: Language is much more than a tool for communication. It is a social institution. New developments and forms of the language are not an exclusive grammatical, linguistic or literary phenomenon. If language changes, the thinking about law and finally the law itself will change as well. The law system is also strongly influenced by the communication media. The article examines how the hypertext culture which is typical for the internet will influence the law system in general. The author arrives at the conclusion that law will become more synaesthetical, more private, more subjective and more fluid and vague by the influences of the internet and the hypertext culture. The overall importance of law will change. The law must find a new role. If it does not meet this challenge, it runs the risk of becoming irrelevant.


Die Einführung von Verfahrenspflegschaft

Eine Reaktion auf die strukturellen Paradoxien im Familiengericht?1

Heike Schulze

Zusammenfassung: Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem familiengerichtlichen Verfahren zur Regelung des Umgangs nach Trennung und Scheidung. Zunächst möchte ich zeigen, dass diese Verfahren kaum Merkmale eines Rechtsverfahrens aufweisen, sondern dem Vermittlungstyp ‚Friedensstiftung‘ zugeordnet werden müssen. Dies hat Konsequenzen für das professionelle Handeln der Verfahrensbeteiligten; insbesondere mediative Elemente sind unverzichtbar. Anhand der ‚Verfahrenspflegschaft nach § 50 FGG‘ lässt sich zeigen, dass erhebliche strukturelle Diskrepanzen zwischen dem lebenspraktischen Problem ‚familialer Umgangskonflikt‘ und der juristischen Bearbeitungsbzw. Institutionslogik bestehen. Abschließend werde ich mich der Frage zuwenden, ob und unter welchen Umständen die Einführung der Verfahrenspflegschaft eine Chance für die professionelle Bearbeitung im Familiengericht darstellt.

Summary: Family proceedings concerning the regulations about the contact between children and parents after separation and divorce have been subject to contradictory interpretations, both by German courts and by legal scholars. First I want to point out that these proceedings hardly have anything in common with the typical legal proceedings; rather, they are based upon mediation and aimed at making peace between the parties. This fact is of significant consequence for how the involved professionals see themselves in their professional roles, as mediating aspects are essential in family proceedings. With respect to the ‚Guardianship in proceedings involving minors’ significant discrepancies between the real-life conflict of how to arrange the contact between the child and the parents on one hand and jurisdictional logic on the other hand become obvious. Finally I turn to the question whether, and under which circumstances, introducing this Guardianship is a chance to improve family proceedings.


Streitregelung in der Zivilgesellschaft
Jenseits von Rosenkrieg und Maschendrahtzaun

Thomas Trenczek

Zusammenfassung: Streitkultur und Rechtswesen in einer Gesellschaft sind eng mit ihrer kulturellen, politischen, sozialen und ökonomischen Entwicklung verknüpft und haben in der Geschichte erhebliche Wandlungen vollzogen. Seit den 80er Jahren sind sog. „alternative“ Verfahren zur einvernehmlichen Regelung von Konflikten, insbesondere die Mediation, auch in Deutschland auf ein immer stärker werdendes Interesse gestoßen. Starke Unterstützung erhält diese Entwicklung in den letzten Jahren durch den Leitbegriff der Zivil- oder Bürgergesellschaft, mit dem das Verhältnis von Staat und Bürger wieder neu definiert wird. Der Beitrag stellt die Charakteristika und Wechselwirkungen dieser Entwicklungen dar und beschreibt die Chancen und Hindernisse der Weiterentwicklung der „alternativen“ Konfliktbearbeitung in Deutschland.

Summary: The legal system of societies and the way they deal with conflicts are influenced by their cultural, political, social and economical development and have changed considerably throughout history. Since the 1980s alternative dispute resolution (ARD) procedures, especially mediation, increasingly have attracted interest in Germany. This development has gained momentum through debates focussing on the central idea (“leitmotif“) of civil society which redefines the relationship between state and its citizens. The paper describes the characteristics and interdependencies of both developments and discusses the chances of and obstacles to the future development of ADR in Germany.


Unterstellte Rechtsnähe
Zur literarischen Fiktion im (Straf-)Rechtsdiskurs

Ralf Kölbel

Zusammenfassung: Der „Abstand“ zwischen Laien und Recht stellt für die Rechtsdogmatik einen problembehafteten Gegenstand dar, insbesondere bei der Auslegung des so genannten „Verbotsirrtums“ (§ 17 StGB). Die Juristen behelfen sich hier mit einem argumentativen Kunstgriff. Sie produzieren Literatur – und fingieren das Rechtswissen der Laien. Auf diese Weise lassen sich zahlreiche Begründungsprobleme lösen. Den Standards der juristischen Methodenlehre werden die juristischen Autoren und Leser aber nicht gerecht.

Summary: The „distance“ between laypeople and law is a problem for the jurisprudential interpretation of law, especially for the interpretation of § 17 German Penal Code (so called „Verbotsirrtum“). Therefore lawyers use a sophisticated „literary“ argumentation. They produce a fiction: the legal knowledge of laypeople. In this way plausible reasons and explanations are reached – but the standards of legal methodology are suspended by the authors and readers.